Das Hexenbürgermeisterhaus - Haxter-Chronik

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Das Hexenbürgermeisterhaus

"Hexenbürgermeisterhaus" - so lautet der Beiname des 1568-71 erbauten Bürgerhauses, in dem das Museum der Stadt Lemgo seinen Sitz hat. Der Name erinnert an den Bürgermeister Hermann Rothmanns (1629-1683). Seiner Familie hat das Haus über mehrere Generationen gehört. In seine Amtszeit fiel die letzte Welle der Hexenverfolgung in Lemgo. Er selbst galt als besonders eifriger Hexenjäger.
Das Bürgerhaus mitten im historischen Stadtkern ist eines der bedeutendsten Baudenkmäler städtischer Architektur im Stil der Weserrenaissance. Nach einer umfangreichen Instandsetzungsmaßnahme sind im Hexenbürgermeisterhaus überraschend viele Spuren aus mehr als 400 Jahren Bau-und Hausgeschichte zu entdecken. Auch über die Familien, die in diesem Haus lebten, gibt es viel zu erzählen.



Das Hexenbügermeisterhaus als Bürgerhaus
Das Haus Breite Straße 19 ist ein Beispiel für die repräsentiven Bürgerhäuser, die in den wirtschaftlich prosperierenden Städten des 16. Jahrhunderts von wohlhabenden Kaufleuten erbaut wurden. Das Haus wurde in den Jahren 1568-1571 an Stelle eines Vorgängerbaus errichten. Mit seiner aufwändig gestalteten Fassade gehört es zu den imposantesten Bauten des 16. Jahrhunderts in Lemgo. Wie in anderen Städten des Weserraums war auch in Lemgo die Stadtentwicklung im 16. Jahrhundert von einem Bevölkerungsanstieg und von wirtschaftlichem Wachstum geprägt. Der Zweitraum zwischen 1560 und 1580 erlebte dabei eine besonders intensive Bautätigkeit.
Das Haus Breite Straße 19 zeichnet sich vor allem durch seine Größe und die ornamentierte Fassade aus. Zum figürlichen Schmuck gehören Flachreliefs in den vier Brüstungsfeldern im Obergeschoss der Auslucht mit der Darstellung der Tugenden Fides (Glaube) und Spes (Hoffnung) sowei zwei Engeln mit Wappenschilden in den beiden mittleren Feldern. Es handelt sich um die Wappen von Hermann Kruwel und Lisbeth Fürtenau, die damit als Bauherrenpaar dargestellt werden. Auch am Kamin im Saal sind diese Wappen zu sehen, ergänzt am die Buchstaben "H K" und "L V" sowie die Jahreszahl 1568. Die Inschrift über der Dielentür verweist allerdings allein auf Hermann Kruwel als den Bauherren: "IN GADES NAMEN UNDE CHRISTUS FREDE HEFT DUT HUES HERMANN KRUWEL BUET AN DISE STEDE AO 1571". Die Brüstungsfelder des Erkers zeigen Reliefs mit den Tugenden Fortitudo (Stärke), Charitas (Liebe) und Justitia (Gerechtigkeit). Über dem Portal findet sich die Darstellung des Sündenfall-Motivs mit Adam und Eva sowie dem Baum der Erkenntnis und der Schlange. Im Giebel steht eine vollplastische Figur des Christus mit der Weltkugel (Salvator Mundi). Als Schöpfer der Fassade gilt der Lemgoer Baumeister Hermann Wulff (gest. 1597).
Hermann Kruwel enstammte einer bedeutenden Kaufmanns- und Bürgermeisterfamilie, die seit dem 13. Jahrhundert in der Stadt Lemgo ansässig war. Er war Kaufmann und betrieb Woll- und Tuchhandel. Einen großen Teil seines Vermögens investiert er in Immobilien. Darüber hinaus verfügte er über zahlreiche Ländereien. Im Jahre 1579 wurde er zum Bürgermeister gewählt. Im Jahre 1555 heiratete er Lisbeth Fürstenau, die aus einer einflussreichen Bürgerfamilie in Herford stammte. Aus der Ehe gingen acht Kinder hervor.
Hermann Kruwel und Lisbeth Fürstenau bewohnten das Haus in der Breiten Straße nur wenige Jahre. Nach der Heirat des zweiten Sohnes Christian mit Ilsabein, der Tochter des Bürgermeisters Florin Flörke, bezogen sie ein neues Haus in der Altstadt (Mittelstraße 61). Der Sohn Bernd bekam ein eigenes Haus in der Breiten Straße (Nr. 57), und das der Eltern ging in den Besitz des Sohnes Christian und der Schwiegertochter über. Hinter dem Haus gab es eine Scheune, in der zwei Wagen abgestellt waren. Dort befand sich auch ein Stall für vier Pferde. Darüber lag eine Schlafkammer für zwei Knechte.
Nach dem frühen Tod von Hermann Kruwel im Jahre 1582 kam es zu Streitigkeiten und Konflikten zwischen den Söhnen. Christian Kruwel war völlig verschuldet. Schließlich musste er seinen Bankrott anmelden, weil er die Forderungen zahlreicher Gläubiger nicht erfüllen konnte. Auch vier seiner Brüder mussten ihren Bankrott erklären.
Aus der Konkursmasse der Familie Kruwel erwarb die Familie Cothmann das Haus. Ähnlich wie die Kruwels gehörten auch die Crothmanns zu den führenden Lemgoer Familien des späten Mittelalters und der Frühen Neuzeit. Mitglieder der Familie, die erstmals im späten 14. Jahrhundert urkundlich erwähnt wurde, gehörten dem Rat und dem Kaufmannsamt an. Aus ihren Reihen kamen mehrere Bürgermeister. Aus der so genannten jüngeren Linie stammte der Kaufmann Dietrich Cothmann. Sein Vater war der langjährige Bürgermeister Franz Cothmann und seine Mutter war eine Tochter des gräflichen Sektrtärs von Rintelen. Dietrich Cothmann hatte Catharina Goehausen geheiratet, die Tochter des Brakeler Bürgers und Amtsmann in Bredenborn Franz Goehausen. Ihr Bruder Hermann Goehausen war als Rechtsprofessor an der Universität in Rinteln tätig.
Dietrich Cothmann gehörte zwar dem Kaufmannsamt an, war aber in seiner wirtschaftlichen Tätigkeit nicht sehr erfolgreich. Dennoch kaufte er im Jahre 1625 das Haus in der Breiten Straße aus der Konkursmasse der Familie Kruwel. Der Kaufpreis betrug 1500 Taler.
Seine Frau Catharina, die im Jahre 1634 erstmals als Hexe "beklafft" worden war, war am 20. Juni 1654 als Hexe hingerichtet worden. Als Dietrich Cothmann im Jahre 1657 starb, galt das Haus in der Breiten Straße als verwahrlostet und "keine 1000 Taler mehr wert". Die Zwangsversteigerung seines Elternhauses konnte Hermann Cothmann nur mit Mühe abwenden.
Hermann Cothmann wurde am 1. Mai 1629 in Lemgo geboren, vermutlich in seinem elterlichen Haus in der Breiten Straße. Der Vater hatte ihn bereits zu Ostern 1630 ins Kaufmannsamt der Stadt aufnehmen lassen. Hermann Cothmann besuchte in Lemgo, Osnabrück und Herford die Schule und absolvierte ein Studium der Rechte in Rostock und Jena, allerdings mit einer zeitlichen Unterbrechung von sechs Jahren, während er als Hofmeister in einer adligen Familie auf Rügen tätig war. Offenbar war er auf Grund fehlender finazieller Mittel zur Unterbrechung des Studium gezwungen gewesen. Nach dem Ende des Studiums und seiner Reise durch die Niederlande kehrte Cothmann im Jahre 1661 nach Lemgo zurück. Im Jahre 1663 heiratete er Christina Elisabeth, die Tochter des früheren osnabrückischen Vogts Wilhelm de Baer aus Dissen. Im selben Jahr leistete er auf dem Rathaus den Bürgereid.
Vor dem Hintergrund von Spannungen und Konflikten innerhalb der politischen Elite der Stadt vollzog sich Hermann Cothmanns politische Karriere. Im Jahre 1666 wurde er zum Direktor "des peinlichen Processus c[on]t[ra] die Unholden und Hexen" ernannt. Nach dem Tod der bis dahin amtierenden Bürgermeister Anton Wippermann und Dr. Henrich Kerkmann wurde er im Jahre 1667 zum Bürgermeister gewählt. Dieses Amt übte er - mit Unterbrechungen in den Jahren 1669 und 1674 - bis zu seinem Tod aus.
Die Hexenprozesse, die nach mehrjähriger Unterbrechung von seinem Amtsvorgänger Kerkmann wieder aufgenommen worden waren, führte Hermann Cothmann zielstrebig fort. In die Zeit von 1665 bis 1681 fiel die letzte Welle der Hexenverfolgung in Lemgo, die mit rund 100 Hinrichtungen zu den intensivsten Verfolgungsperioden der Satdtgeschichte gehörte. Erst der Prozess gegen Maria Rampendahl im Jahre 1681, der mit dem Urteil der ewigen Stadt- und Landesverweisung endete, führte zum Ende der Hexenverfolgung in Lemgo. Hermann Hermessen, der Ehemann von Maria Rampendahl, verklagte die Stadt Lemgo vor dem Reichskammergericht. Zwar ging der Prozess für das Ehepaar Hermessen/Rampendahl verloren, doch "den Herren in Lemgo" war deutlich geworden, "dass ihnen von allen Seiten der Wind ins Gesicht blies und sie in Sachen Hexenverfolgung fast schon allein standen." (Gisela Wilbertz).
Hermann Cothmann starb am 25. Janur 1683, drei Tage nachdem das Reichskammergerichtsurteil vor dem Rat bekannt gegeben worden war. An seine Rolle als Bürgermeister und "Hexenjäger" erinnert der Beiname Hexenbügermeitser, der in der mündlichen Erinnerung enstanden war und im 19. Jahrhundert in der lokalen Presse tradiert wurde. In der Erinnerungskultur des 20. Jahrhundert wurde der Hexenbürgermeister geradezu zu einem Inbegriff des grausamen Repräsentanten der Hexenjustiz, zugleich aber auch zur folkloristisch verniedlichten Figur.
Da Haus in der Breiten Straße blieb bis ins frühe 19. Jahrhundert im Besitz der Nachkommen der Familie Cothmann. Im Jahre 1826 ging es in den Besitz des Zimmermeisters Johann Henrich Culemann über. Im Jahre 1879 erwarb der Malermeister August Maranca (1841-1904) das Haus. Er enstammte einer Zinngießer-Familie, die in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Lemgo ansässig geworden war. Der Vater Martin Maranca (1792-1855) stammte aus Forno in Italien und hatte sich im Jahre 1817 in Lemgo als Zinngießer niedergelassen.. Im Jahre 1891 lebte August Maranca mit seiner Frau und fünf Kindern im Haus Breite Straße 19. Das Haus war mittlerweile zum Mehrfamilien-Wohnhaus geworden, das neben der Familie des Besitzers von zwei weiteren Familien bewohnt wurde. Nach dem Tod von August Maranca ging das Haus im Jahre 1904 in den Besitz der beiden Söhne August und Christian über.    

Das Hexenbürgermeisterhaus - Vom Bürgerhaus zum Museum
Um die Jahrhundwertwende wandelte sich das Erscheinungsbild der Stadt. Im Zuge der Modernisierung wurden Zahlreiche Gebäude aus dem 16./17. Jahrhundert abgerissen. Bei anderen Gebäuden wurden die Fassaden umgebaut, um sie den gewnadelten Nutzungsinteressen anpassen zu können. Auch die Eigentümer des "Hexenbürgermeisterhauses" wollten ihr Haus zu einem modernen Wohn- und Geschäftshaus umbauen lassen. Im Jahre 1907 hatte sich August Maranca an das städtische Bauamt gewandt und die Genehmigung für den Einbau eines Schaufensters in der Fassade beantragt. Er wollte in seinem Haus einen Laden einrichten und dessen Außenwirkung durch den Einbau des Schaufensters verstärken. Der Magistrat hatte den Antrag mit Hinweis auf die Fluchtlinienverordnung sowie die Beeinträchtigung der Fassade abgelehnt.Schließlich wurde die Genehmigung für den Einbau des Schaufensters aber doch erteilt und der Laden von der Gärtnerei angemietet.
Im Jahre 1910 informierte Maranca das Bauamt darüber, die Fassade des Hexenbürgermeisterhauses abtragen zu lassen und zum Verkauf anzubieten. Die Abtragung von Fassaden und deren Neuerrichtung an anderer Stelle war um die Jahrhundertwende nicht ungewöhnlich. Die Absicht der Brüder Maranca stieß auf heftige Ablehnung in der lokalen und regionalen Öffentlichkeit. Auf Grund des öffentlichen Interesses kam es zu Verhandlungen zwischen den Besitzern und dem Lemgoer Magistrat über einen möglichen Ankauf des Hauses. Sie scheiterten aber an unterschiedlichen Preisvorstellungen.
Im September 1911 hatte sich der Hamburger Kunsthistoriker Justus Brinckmann, Direktor des Museums für Kunst und Gewerbe, an die lippische Regierung gewandt. Er wies darauf hin, dass die Fassade des Hexenbürgermeisterhauses im Antiquitätenhandel angeboten würde und warnte dringend vor der Abtragung. Die lippische Regierung informierte den Lemgoer Magistrat über das Schreiben des renomierten Hamburger Museumsdirektor und fügte den eindringlichen Appell hinzu, die Verhandlungen über den Ankauf des Hexenbürgermeisterhauses wieder aufzunehmen. Der Magistrat fasste daraufhin den Beschluss, das Haus anzukaufen und er bagann neue Verhandlungen mit den Eigentümern. Im Dezember 1911 wurde schließlich ein Vertrag geschlossen.
Der Magistrat beschloss im Mai 1912, im Hexenbürgermeisterhaus ein Museum einzurichten und dort die städtische Altertümersammlung zu präsentieren. Die Sammlung war im späten 19. Jahrhundert zusammengetragen worden und umfasste Architekturfragmente, Handwerksgeräte, Waffen und sog. Rechtsaltertümer. Im Jahre 1913 begann die Umlagerung der Objekte aus dem früheren Waisenhaus, das abgerissen wurde, ins Hexenbürgermeisterhaus und zwar die ehemalige Werkstatt im Saal und auf den Boden des Hauses. Allerdings dauerte es bis zum Jahre 1921, bis die Wohnung im Haus endgültig geräumt war und die Verwirklichung der Museumspläne in Angriff genommen werden konnte.
Im Jahre 1926 wurde das Heimatmuseum im Hexenbürgermeisterhaus eröffnet, zunächst im Saal mit dem Kamin aus dem Jahre 1568 sowie in einem kleinen Zimmer. Die Ausstellung war vom Heimatverein Alt Lemgo konzipiert worden. Das Spektrum der Objekte und Themen des Heimatmuseums reichte von der Vorgeschichte über eine Sammlung kirchlicher Altertümer, Objekte des Alten Handwerks, Trachten, Apothekengegenständ bis hin zu den Folterinstrumenten der Hexenjustiz.
Die Möglichkeit zur Erweiterung des Heimatmuseums bot sich im Rahmen der "Engelbert-Kaempfer-Ehrung", die erstmals im Jahre 1937 in Lemgo stattfand und im Jahre 1938 fortgesetzt wurde. Die Veranstaltungen waren der Höhepunkt der NS-Festkultur in der Stadt Lemgo. Die Feiern beruhten auf einer Anregung des Gauamtsleiters Walter Steinecke und einer Initiative des Gauleiters Dr. Alfred Meyer. Sie sollten die Erinnerung an die Biografie und das Werk des Arztes, Naturforschers und Reisenden Engelbert Kaempfer (1651-1716) bewahren. Über den unmittelbaren Anlass hinaus dienten die "Engelbert-Kaempfer-Ehrungen" kulturpolitischen und geschichtspropagandistischen Zwecken und der Inszenierung der Volksgemeinschafts-Idee.
Das neue Museum, das am 12. Juni 1937 in einer Feierstunde der Öffentlichkeit übergeben wurde, wurde in besonderen Maße durch zwei Rauminszenierungen geprägt. Zur Erinnerung an Engelbert Kaempfer war in der ehemaligen Stube das sog. Engelbert-Kaempfer-Zimmer eingerichtet worden. Mit der Gestaltung eines "Wohnraum[es] im Stile der damaligen Zeit" sollte die Atmosphäre eines STudier- und Arbeitszimmers aus der Zeit um 1700 nachempfunden.
Der zweite thematische Schwerpunkt wurde mit der Inszenierung des sog. Folterkellers im Keller des Hexenbürgermeisterhauses geschaffen. Zu sehen waren Damen- und Beinschrauben aus dem Nachlass der Scharfrichterfamilie Clauss/Clausen sowie Objekte, die für die Neupräsentation nachgebaut worden waren. Dazu gehörten der Folterstuhl sowie eine Streckleiter. Die Raumwirkung wurde verstärkt durch den so genannten Kropschen Kasten, ein Verwahrinstrument aus dem späten 18. Jahrhunderts, das der Sistierung des als Raubmörder verdächtigen Johann Christoph Krop gedient hatte.
Neben den beiden Räumen waren drei weitere eingerichtet worden. Es handelt sich um eine "Spinnstube", um ein Biedermeierzimmer sowie um ein "Bauernschlafzimmer". In den Räumen wurden auch Exponate zum Blaudruck und zur Meerschaumpfeifen-Herstellung gezeigt.
Im Jahre 1961 wurde das Museum im Zusammenhang mit Um- und Neubaumaßnahmen neu geordnet und umgestaltet. Es handelt sich um eine Reduzierung und Systematisierung der präsentierten Objekte. Neu eingerichtet wurde die Handwerks-Abteilung im Obergeschoss des Museums. Auf eine Ausweitung der Ausstellung, um auch den Weg Lemgos ins Industriezeitalter dokumentieren zu können, wurde verzichtet. Die Scheune, in der zuletzt städtische Fahrzeuge untergebracht waren, war abgerissen worden. Im Zwischengeschoss des neuen Anbaus war ein Raum für Sonderausstellungen entstanden. In der "Galerie des Lipperlandes" zeigte Hans Hoppe, hauptamtlich Gymnasiallehrer und nebenamtlich Stadtarchivar und Museumsleiter, Ausstellungen zeitgenössischer Kunst. Mit der Einrichtung der Galerie war man einer Anregung der "Vereinigung Westfälischer Museen" gefolgt, durch Kunstausstellungen im Heimatmuseum "auch in der Provinz Verständnis für die Gegenwartskunst zu wecken". Nach Ansicht von Paul Pieper, Direktor des Westfälischen Landesmuseums in Münster, gehörte das Hexenbürgermeisterhaus mit diesem Profil neben Hamm und Soest zu den wenigen vorbildlichen Stadtmuseen, die in den 1960er Jahren in Westfalen entstanden waren.

Instandsetzung und Restaurierung
Nach mehr als 25 Jahren wurde seit Mitte der 1980er Jahre über eine Neueinrichtung des Museums nachgedacht. Pläne, ein "Museum für Stadt- und Rechtsgeschichte" einzurichten, wurden aus unterschiedlichen Gründen nicht weiterverfolgt. Erst Ende der 1990er Jahre ergab sich die Möglichkeit für eine grundlegende Restaurierung und Instandsetzung des Hexenbürgermeisterhauses und die Neueinrichtung der ständigen Ausstellung. In den Jahren 1998 bis 2004 wurde mit finanzieller Förderung der STAFF Stiftung Lemgo und des Landes Nordrhein-Westfalen eine umfassende Instandsetzungsmaßnahme durchgeführt. Die besondere Aufgabe bestand darin, das Haus als Baudenkmal mit der Nutzung als Museum in Einklang zu bringen. Zunächst wurden die erhaltungswürdigen Bauteile festgelegt. Auf dieser Grundlage entstanden Konzepte für die Erhaltungsmaßnahmen und die erforderlichen Ergänzungen für die Museumsnutzung.
Wichtige Aspekte der Instandsetzung bildeten die Erneuerung der Klima- und Haustechnik, der Einbau einer Temperierung sowie die Stabilisierung des Gebäudes aus statischer Sicht. Die Großflächigkeit des alten Speichergeschosses wurde wieder hergestellt. Außerdem wurde ein neues Treppenhaus mit Fahrstuhl angefügt, das große Teile des Museums für Rollstuhlfahrer zugänglich macht. Bei der Umsetzung der Maßnahmen wurden jeweils für den Einzelfall bautechnische Lösungen zur Bewahrung der Denkmalwerte entwickelt.
Die Instandsetzungsmaßnahme wurde von einer umfangreichen bauhistorischen Forschung begleitet. Viele wichtige bauhistorischen Befunde konnten entdeckt werden. Mit Blick auf den Denkmalwert wurden historische Putz- und Farboberflächen sowie bauhistorisch wichtige Befunde erhalten und sichtbar gemacht. So stehen historische Konstruktionen neben den neuen Sicherungsmaßnahmen. Spuren früherer Farbgebungen sind in ein zeitgemäßes Farbkonzept eingebettet worden.
Das Hexenbürgermeisterhaus wurde nach Abschluss der Restaurierungsmaßnahme im Jahre 2004 wieder eröffnet. Die Eröffnung der ständigen Ausstellung erfolgte im Jahre 2007, unter Einbeziehung des unmittelbar benachbarten Hauses Weege, in das der Museumseingang verlegt wurde. In den Jahren 2012-2014 wurde die Fassade restauriert und erhielt eine neue farbliche Fassung. In den Jahren 2014-2016 wurde das Dielentor restauriert, das zahlreiche Bauspuren aus der Erbauungszeit des Hauses zeigt. Die umfangreiche Gesamtrestaurierung des Hexenbürgermeisterhauses kommt mit der Sanierung der West- und der Nordfassade im Jahre 2017 zu einem vorläufigen Abschluss.

Ein Rundgang durch die ständige Ausstellung
In der Diele beginnt der Rundgang durch die Ausstellung, die im Jahre 2007 eingerichtet wurde. Sie vermittelt einen Überblick über mehr als 800 Jahre Geschichte der Stadt Lemgo vom späten Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert. Die bauhistorischen Befunde sind in die Präsentation einbezogen und werden mit Text und Bild erläutert. So zeigt die Ausstellung an verschiedenen Beispielen, wie sich Denkmalpflege und moderne Baukultur in einem Museum verbinden lassen. Die Diele des Hexenbürgermeisterhauses ist die zentrale Halle des Hauses. Sie zeigt am deutlichsten die Wandlungen, die sich im Zuge der mehr als 400-jährigen Bau- und Nutzungsgeschichte vollzogen haben. Zur Erbauungszeit handelt es sich um eine breite helle Diele mit großen Fenstern und einem Kamin an der Herdwand. Die Füllholzer wiesen reiche Schnitzereien auf, die farbig gefasst waren.
In der Diele wurden bis ins 19. Jahrhundert hinein verschidene Funktionen verknüpft: der Bereich des Herdfeuers diente - ähnlich wie im Bauernhaus - als Küche und Essbereich. Mit der Schaffung eigener Wohn- und Schlafräume wurde die Diele zum Durchgangsraum.
Bereits Ende des 16. Jahrhunderts wurde der Stubeneinbau auf der linken Seite errichtet und dadurch die Diele verkleinert. Im 19. Jahrhundert wurde eine Decke eingezogen. Sowohl in der Diele als auch im Zwischengeschoss wurden kleine Räume eingerichtet. Im Jahre 1937 wurde die Zweigeschossigkeit der Diele wieder hergestellt. Allerdings hatte die neue Treppenführung keine historischen Vorbilder.
Die Restaurierung führte zu einer neuen Farbfassung der Diele. Bei der Entscheidung knüpfte man an monochrom grau gehaltene Fassungen des 18. Jahrhunderts an. Sie bieten die neutrale Folie für die Darstellung der zahlreichen Farb- und Baubefunde, die von Bauforschern entdeckt und von Restauratoren sichtbar gemacht wurden.
Die Ausstellung beginnt thematisch mit der Stadtgründung. Lemgo ist die älteste Stadt im heutigen Kreis Lippe. Die Stadt wurde um 1190 von dem Edelherrn Bernhard II. zur Lippe gegründet.
In Lemgo selbst sind keine Urkunden und Objekte aus der Zeit Bernhards erhalten geblieben. Zu den bedeutendsten Objekten der Museumssammlung aus dem späten Mittelalter gehört der Stempel für das Lemgoer Stadtsiegel. Er wird auf die erste Hälfte des 13. Jahrhunderts datiert. Es zeigt die Stadtbefestigung mit Mauern, zwei kleinen und einem großen Turm. Die Rose als Signet des Landesherrn ist gleich zweimal zu sehen: im Stadttor und auf dem Turm der Stadtbefestigung. Die Umschrift lautet:"SIGILLUM BURGENSIUM I[N] LEMEGO", d.h. das Siegel der Bürger in Lemgo.
Auf einem Banner ist die Urkunde aus dem Jahre 1245 abgebildet, mit der Bernhard III., der Enkel des Stadtgründers, die Rechte und Privilegien der Stadt bestätigt hat, so wie sie sein Vater und Großvater der Stadt verliehen hatten. Dies ist die wichtigste Urkunde der frühen Stadtgeschichte. Sie wird heute im Stadtarchiv Lemgo aufbewahrt. Aus ihr wird geschlossen, dass die Stadt um 1190 gegründet wurde. Das Lemgoer Stadtrecht entsprach dem Lippstädter und gehörte damit zur sogenannten Soester Stadtrechtsfamilie. Die Stadt erhielt weitgehende Selbstverwaltungsrechte mit Ratsverfassung und eigener Gerichtsbarkeit einschließlich der daraus herrührenden Einkünfte. Der Stadtherr verzichtete auf den Bau einer Burg oder eines festen Hauses innerhalb der Stadtmauern. Bürgerrecht konnte erwerben, wer sich über Jahr und Tag in der Stadt aufhielt. Auf dieser Grundlage konnte sich das Wirtschaftsleben der Stadt entfalten.
Zu den wichtigsten Privilegien gehörte das Münzrecht. Bis zum 12. Jahrhundert war es alleiniges Recht des Königs, Münzen zu prägen. Nach 1180 konnten sich auch Landesherren kleinerer Territorien diese Rechte aneignen. Allerdings ist die Verleihung des Münzrechts weder für die lippischen Edelherren noch für die Stadt Lemgo überliefert. Der Betrieb einer Münzstätte war für den Münzherrn eine willkommene Einkommensquelle. Es lag nahe, die Kaufleute am Orte mit dem Geld zu versorgen, das sie bei ihren Geschäften gut verwenden konnten. Deshalb ahmten vile kleine Münzstätten fremde Münztypen nach.
Ende des 12. Jahrhunderts war in Westfalen das Soester Geld sehr beliebt. Schon ab 1194 prägten die Edelherren zur Lippe in ihrer Stadt Lippstadt Pfennige der benachbarten erzbischhöflichen Münzstätte Soest nach. Um 1200 folgte die Lemgoer Münzstätte diesem Beispiel. Auch in den folgenden drei Jahrhunderten wurden in Lemgo nur auswärtige Münztypen nachgeahmt. Um 1510 wurde die Müzstätte Lemgo aufgegeben. Der Geldbedarf wurde nun fast ausschließlich von fremden Geldsorten gedeckt.
Durch eine großzügige Sachspende der STAFF Stiftung bekam das Museum im Jahre 1995 Münzen aus der Sammlung Weweler. Damit kann das Museum eine annähernd vollständige Sammlung der Münzen zeigen, die zwischen 1215 bis 1511nvon der Münzstätte Lemgo geschlagen wurden. Fundkarten zeigen die Verbreitung Lemgoer Münzen im Ostsee- und Nordseeraum. Die Funde verdeutlichen nicht zuletzt die Handelsbeziehungen Lemgoer Kaufleute im Umkreis der Hanse, in dem die Stadt 1295 erstmals erwähnt wurde.
Seit 1957 verfügt das Museum über die Münzen aus einem Münzschatz, der im Jahr zuvor in Lemgo gefunden wurde. Es handelt sich dabei um den einzigen mittelalterlichen Schatzfund aus Lippe. Bei der Auszählung ergaben sich 27 größere Silbermünzen, 41 mittlere Silbermünzen und 2022 kleine Silbermünzen, die sogenannten westfälischen Pfennige. Dies sind Pfennige aus Bielefeld, Herford, Petershagen und Nienburg. Urkunden zeigen, dass die Städte Bielefeld, Herford und Lemgo ein Gebiet mit gemeinsamer Pfennigwährung bildeten.
Der Schatz wurde nach 1387 vergraben. Sein damaliger Wert betrug etwa 16 Mark Lemgoer Währung. Welchen Wert diese Münzen hatten, verdeutlicht eine urkundliche Überlieferung, die besagt, dass im Jahre 1383 ein Haus in Lemgo für 26 Mark verkauft wurde.
Im Rahmen der Instandsetzungsmaßnahme wurden im Hexenbürgermeisterhaus archäologische Grabungen durchgeführt, um nach Spuren von Vorgängerbauten sowie nach baugeschichtlichen Befunden zu suchen. Neben den Archäologen führten Bauhistoriker und Restauratoren Untersuchungen durch. Sie fanden zahlreiche bauhistorische Funde aus mehr als 400 Jahren Bau- und Nutzungsgeschichte. Die Funde umfassen Spuren im Boden, wie frühere Böden aus Stein oder Holz, Befunde in den Decken, wie die sogenannten Wellerdecken aus Stroh, Lehm und Holz, Befunde an den Wänden, wie Kaminfragmente oder Fenstergewände und Farbfassungen an den Wandoberflächen. Dort, wo sich dies mit den neuen Nutzungen verbinden ließ, wurden diese Befunde in ihrer ursprünglichen Fassung belassen. Wie Fenster in die Geschichte sind sie nun beim Rundgang durch das Museum zu sehen.
Betritt man den Ausstellungsraum, die frühere Stube, so fällt zunächst die Bodenvitrine auf. Man blickt auf ein Steinpflaster, das an ein Mauerfundament angrenzt. Diese Mauer war die ursprüngliche Trennwand des ersten Stubeneinbaus. Ihr Verlauf ist in den Mustern des heutigen Bodens nachgezeichnet. Bei dem Pflaster handelt es sich um das ursprüngliche Dielenpflaster aus der Erbauungszeit des Hexenbürgermeisterhauses. Es ist also mehr als 400 Jahre alt. Auch in der Diele sowie den angrenzenden Räumen befinden sich unter dem heutigen Fußboden noch die Reste dieses Pflasters. Es hatte das Niveau der heutigen Breiten Straße. Dies kann man noch schön sehen, wenn man durch die gläserne Trennwand auf den Boden vor der alten Dielentür blickt.
Das Pflaster ist von Archäologen entdeckt worden. Zunächst wurde der frühere Fußboden des Hexenbürgermeisterhauses entfernt. Darunter kam eine 2cm dicke Lehmschicht zutage, die unmittelbar auf dem Steinpflaster lag. Beim Entfernen dieser Schicht im rechten Stubeneinbau fand man zahlreiche Gegenstände. Sie werden in der Wandvitrine gezeigt. Gefunden wurden sie entlang der Wände. Sie waren also in eine Fuge zwischen den Wänden und dem hölzernen Stubenboden gefallen. Überwiegend handelt es sich um Objekte aus Buntmetall, wie die Buchschließe mit Verzierung. Ein Fingerhut ist ein Zeugnis von Näharbeiten, die in der Stube verrichtet wurden. Daneben gibt es objekte aus Bein, wie den kleinen Würfel und den Messergriff mit kleinen Verzierungen. Die Murmel aus Ton stammt vermutlich aus dem Besitz eines Kindes. Das Glas ist teilweise, wie der Fachbegriff lautet, "a la facon de Venice". Es ist damit ein Zeugnis für den gehobenen Lebensstil der Bewohner. Schließlich wurde eine Reihe von Münzen entdeckt. Diese Münzen, die aus der zweiten Hälfte des 17. und dem frühen 18. Jahrhundert stammen, sind für die Datierung der Funde hilfreich. Die Mehrheit der Funde stammt danach aus der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Ein kleiner Teil lässt sich aber auch in die ersten beiden Jahrzehnte des 18. Jahrhunderts datieren.
In der Diele fällt der Geweihleuchter ins Auge, der von der Decke herabhängt. Das Museum besitzt nur wenige Objekte aus dem späten Mittelalter. Zu den wenigen Exponaten gehört der Geweihleuchter mit Leuchterweibchen. Die Stiftung des Leuchterweibchens ist ein Beispiel für die enge Verbindung der Lemgoer Bürger mit dem Kloster St. Marien. Die wohlhabende Witwe Ghese Lambrachting wohnte in der Heustraße, also in der Nachbarschaft des Hexewnbürgermeister- hauses. Ghese stiftete mit Erlaubnis der Priorin ab 1352 den Allerheiligenaltar in der Marienkirche, den Geweihleuchter über dem Altar und Messen für das Seelenheil der Familie. Im Jahre 1400 erweiterte sie ihre Stiftung und machte genaue Vorschriften, wann und wie der Leuchter bei den Messen mit Kerzen bestückt werden sollte.
Das Erscheinungsbild des Geweihleuchters hat sich in den vergangenen 600 Jahren deutlich verändert. Auf dem Geweih, auf der Büste und auf den Metallteilen liegen mehrere Fassungen. An ihnen sind unterschiedliche ästhetische Auffassungen der Jahrhunderte erkennbar. Bei der Restaurierung 2006 wurden Fehlstellen mit Kitt geschlossen und farblich angepasst. Damit wurde ein geschlossener Gesamteindruck auf Grundlage der Fassung von 1930/40 angestrebt.
Mit dem Geweihleuchter besitzt Lemgo ein bedeutendes mittelalterliches Kunstwerk. Unter den spätgotischen Geweihleuchtern, die aus dem nordwesteuropäischen Raum bekannt sind, ist er mit seiner Entstehungszeit kurz vor 1400 das früheste erhaltene Stück.
Die Schwester der Stifterin Ghese Lambrachting gehörte dem Konvent des Klosters St. Marien an. Das Dominikanerinnen-Kloster befand sich in unmittelbarer Nachbarschaft des Museums, mitten in der Lemgoer Neustadt. Das Kloster bestand aus der KIrch St. Marien, die auch als Pfarrkirche genutzt wurde, dem Kreuzgang mit Refektorium, dem Wirtschaftshof und einem großen Garten. Im Jahre 2003 und 2005 fanden Ausgrabungen im Hof- und Kreuzgangbereich statt, die neue Einblicke in das Leben und Sterben der Beweohner ermöglichten. Während im Kreuzgang vor dem Westportal der Kirche zwei Gräber aufgedeckt wurden, konnten im Bereich des geplanten Neubaus die hölzernen und steinernen Fundamente von sechs teilweise bisher unbekannten Gebäuden und fünf Wasserleitungen entdeckt werden. Sie stammen aus dem 14. bis 19. Jahrhundert und dokumentieren die kontinuirliche Nutzung des Wirtschaftshofbereiches.
Bei den Ausgrabungen wurden über 13.000 Einzelfunde getätigt. Die Masse der Funde besteht aus Keramik- und Metallobjekten, daneben wurden zahlreiche Glas-, Knochen-, Holz- und Lederfunde geborgen. Sie stammen aus den verschiedenen Bereichen das klösterlichen Lebens. Auch ein Objekt von großem kulturhistorischem Wert wurde geborgen. Es handelt sich dabei um den Siegelstempel, den einst die Klosterfrau Jutta von Sterreberg besaß. Zu sehen ist ein achtteiliger Stern zwischen zwei Vögeln, welches dem Wappen des Grafen Heinrich III. von Sternberg ähnelt. Leider ist diese Jutta nicht in der Liste der Prorinen vertreten, doch ist die Aufzählung besonders für das 14. Jahrhundert nicht vollständig. Priorin muss sie gewesen sein, da nur diese befugt war, Urkunden zu beglaubigen und eines Siegel zu führen. Auf jeden Fall sind hochmittelalterliche Siegelstempel nur sehr selten überliefert, was das Stück zu einem der wertvollsten des ganzen Grabungskomplexes macht.
Im Museum Hexenbürgermeisterhaus ist nur eine kleine Sammlung von Exponaten zur Geschichte des Lemgoer Marienklosters zu sehen. Wie umfangreich die Überlieferung dieses bedeutenden lippischen Klosters in den verschiedenen Archiven und Museen des Kreises Lippe ist, zeigt die Bildschirmpräsentation in dieser Abteilung.
Der Keller des Hexenbürgermeisterhauses ist bis ins frühe 20. Jahrhundert hinein ein Vorratskeller gewesen. Erst im Jahre 1937 wurde er Ausstellungsraum. Der dort über lange Jahre eingerichtete Folterkeller war aber eine Museumsinszenierung. In einem privaten Bürgerhaus haben keine Folterungen stattgefunden.
Hexenverfolgungen fanden nach Anfängen im 15. Jahrhundert in den Jahren 1560 bis 1700 in verschiedenen europäischen Ländern statt. Insgesamt wurden mehr als 50.000 Personen hingerichtet, wobei die Opfer überwiegend Frauen waren. Zur Kernzone der Hexenprozesse in Mitteleuropa gehörte die Grafschaft Lippe. In der Stadt Lemgo, die seit dem späten Mittelalter im Besitz der peinlichen Gerichtsbarkeit war, wurden zwischen 1583 und 1681 mehr als 200 Menschen verurteilt und hingerichtet. Die lange Dauer der Verfolgung und die große Zahl der Opfer waren besonders Kennzeichen dieser städtischen Hexenprozesse. In den vergangenen Jahren fand eine intensive Erforschung der Hexenprozesse statt. Dabei sind die Biografien der Opfer der Prozesse in das Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt. Die zahlreichen Prozessakten, die im Stadtarchiv Lemgo und im Landesarchiv Detmold im Original erhalten geblieben sind, bieten die Möglichkeit, nicht nur den Ablauf vieler Prozesse darzustellen, sondern sie bieten in Verbindung mit anderen personenbezogenen Daten auch die Möglichkeit, die Biografien zu erforschen.
Die wichtigsten Quellen zur Biografie von Maria Rampendahl und zu ihrem Hexereiprozess sind die Prozessakten. Dingliche Zeugnisse, wie Kleidung, Hausrat, persönliche Gegenstände oder Porträts, sind nicht überliefert. Auch von dem anderen Opfern der Verfolgung gibt es solche Exponate nicht. Demgegeüber sind einige der Folterinstrumente, die in Lemgo in den Prozessen zur Anwendung kamen, im Nachlass der Scharfrichterfamilie Clausen erhalten geblieben.
Der wohl wichtigste Raum des Hexenbürgermeisterhauses ist der Saal, der frühere Wohn- und Schlafraum der Besitzerfamilie. Er war mit großen Fenstern und einem Erker zur Heustraße stark durchlichtet. Der 1568 datierte Sandsteinkamin zeigt die hochwertige Ausstattung des Saales. Der Saal über dem Keller war der Wohn- und Schlafraum der Familie. Aus einem Inventarverzeichnis kennen wir seine Möblierung im Jahre 1568. Die Ausstattung bestand aus zwei Betten, einer Truhe, einem Tisch und zwei Stühlen. Zusätzlich gab es zwei weitere Wohnräume im Beihaus, die vermutlich als Schlafräume der Kinder gedient haben. Das zweigeschossige Gebäude schloss unmittelbar an das Hexenmeisterbürgerhaus an. Der Saal enthielt ursprünglich eine Wellerdecke, die einschließlich der Deckenbalken verputzt war.
Beim Umbau im Jahr 1937 blieb die Decke erhalten. Die 1961 durchgeführten Maßnahmen führten zu einem fast vollständigen Verlust der Decken- und Wandputze. Mit den sichtbaren Deckenbalken veränderte sich der Raumeindruck des wichtigsten Wohnraumes der Familie im 16. Jahrhundert. Die Freilegung des originalen Backsteinfußbodens verstärkte den Wunsch, sich dem ursprünglichen Erscheinungsbild des Raumes wieder anzunähern. Deshalb wurde an dieser Stelle ausnahmsweise das Konzept der unbedingten Erhaltung des gewachsenen Bauzustandes verändert. Die Decke wurde mit einem neuen Lehmputz und einem Kalkanstrich - in Anlehnung an den Erstanstrich - versehen.
Während der Untersuchungen im Haus

Das Haus Weege
Im Jahre 1992 hat die Stadt Lemgo das Nachbarhaus des Hexenbürgermeisterhauses angekauft. Von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zum Jahre 1991 war es im Besitz der Familie Weege.
Das Haus Weege, Breite Straße 17, ist nach den Besitzern benannt. Drei Generationen der Familie haben hier gelebt. Heinrich Christian Weege hatte das Haus 1857 gekauft. 1883 übernahm sein Sohn Karl den Besitz. Zusammen mit seiner Frau und seinen Kindern (sieben Töchter und ein Sohn) bewohnte er das Haus. Seine Tochter Emilie gründete 1927 einen Zahtechnikerbetrieb. Nach dem Tod der Schwestern Emilie, Martha und Luise wurde das Haus 1991 von der Stadt Lemgo erworben. Vermutlich stammt der Vorgängerbau aus dem 16. Jahrhundert. Unter Weiterverwendung älterer Bruchsteinmauern wurde 1782 ein Fachwerkhaus errichtet. Mehrfach wurde das Haus im 19. und 20. Jahrhundert umgebaut. 1942 wurden nach Entwürfen und unter Leitung des Lemgoers Architekten Ernst Pethig neue Werkstatträume für das Zahntechniklabor eingerichtet. Darüber hinaus wurden die Räume im Erdgeschoss (Küche, Gartenzimmer, Büro) umgebaut. 1949 wurde ebenfalls nach Entwürfen von Ernst Pethig die quadratische zweigeschossige Halle mit großzügiger Treppe und Galerie eingerichtet. Die Halle, das Gartenzimmer, das Büro und die Werkstatträume sind in dem von Ernst Pethig geschaffenen Zustand nahezu vollständig erhalten. Seit 2007 befinden sich der Eingangsbereich sowie Büroräume des Museums im Haus Weege.


Quelle: Lippische Kulturlandschaften, "Das Hexenbürgermeisterhaus in Lemgo", Heft 34
© by Mirko Haxter von Löwenberg 2016-21
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